Alles über Lavant

Sammlung

Christine Lavant hab ich zum ersten Mal in Innsbruck gelesen – ihre Handschrift gesehen – ein Buch nach dem anderen gelesen – wunderschöne Ausgaben – ich hab sie alle in meiner Sammlung. Letze Woche durfte ich ein Konzert spielen im Literaturhaus am Inn. Was für ein besonderes Erlebnis.

Was viele gar nicht mehr Wissen – die Lavantforschung begann in Innsbruck und wurde durch den verkauften Nachlass nach Kärnten verlagert. Bedauernswerterweise sind die wunderbaren Ausgaben von der Öffentlichkeit verschwunden und somit auch die Forschungsarbeiten des Brenner Archivs. Leider konnte die geplante Gesamtausgabe der Briefe nicht mehr erscheinen.

Ich werde die Liebesbriefe, die jetzt gerade erschienen sind, nicht lesen  – sie sind aus dem Zusammenhang gerissen und waren niemals für die Öffentlichkeit gedacht.

Und ich empfehle jedem Menschen, der sich einlesen mag das Buch:
„Kunst wie meine ist nur verstümmeltes Leben“  herausgegeben von Armin Wigotschnig – dem Neffen von Christine Lavant.  Darin gibt es den wunderbaren Aufsatz „Die Stille als Eingang des Geistigen“  – Teile  dieses Textes sind eingewoben in meinen Song – Tänzer auf dem Album Herzhandteller.

Übrigens sind in allen meinen 4 Lavantalben  – jedes ist limitiert mit gezählten 500 Stück – Gedichte von Christine Lavant abgedruckt – vielen Dank an den Wallsteinverlag für die Erlaubnis.

 

Du von draußen, ich von drinnen – Du hast die Landschaft – Pflaumenkern – Fröstelnd im Nebel – Zecherbecher – Ich will das Brot mit den Irren teilen – Alter Schlaf –  Sind das wohl Menschen – Knüpf mein Fühlen ineinander – Fluchtwurzeln – Taubenbach – Wie pünktlich die Verzweiflung ist – Frecher Regen – Hiroshima – Du weißt nicht wie das mühsam ist – Letztes Wiegenlied -Lieber Vogel – Kränkungen – Herzhandteller – Was mir vom ganzen Denken blieb – Bettlerlied – Es riecht nach Weltuntergang – Rings um mich – Ach ich lieb dich – Pfauenzelt-Dorf – Der Mond nimmt zu – Tänzer –  Am Morgen noch sing ich – Komme du Scheuer- Löwin meiner Schwäche- Über so hauchdünnen Schlaf – Heimgehn – Stählernes Brot – Schlafzeitlose- Rauer Salbei – Zwei Schiffe – Kleines Weihnachtslied – Paris – Sterne zählen -Diese Nacht war ein Wolf – Ich bete so –

 

Foto © Ernst Peter Prokop

 

Insgesamt sind 4 Tonträger entstanden mit 42 vertonten Songs.

Angefangen hat es 1997 in Innsbruck

…mit dem Gedichtband von Thomas Bernhard, den ich in Innsbruck von einem Professor bekommen habe mit dem Auftrag – die Engel der Lavant zu suchen – seit dem webe ich Gedichte der Kärntner Dichterin Christine Lavant (1915-1973)  zu Songs, aus purer Leidenschaft und Betroffenheit. Sehr viele Songs sind zw. 1999 – 2002 entstanden beim Lesen von „Kunst wie meine ist nur verstümmeltes Leben“ Otto Müller Verlag Salzburg 1978 –   Mein Lieblingstext darin:

„Die Stille als Eingang des Geistigen“ aus dem der Tänzer entstanden ist( Herzhandteller)

Was mich berührt, trifft, anspricht wandelt sich zu einem Song.

Das Vertonen der Texte von Christine Lavant ist mir beim Lesen passiert.
Versunken in ihren Worten – aufgetaucht mit Musik.

Dabei geht es mir gar nicht darum, Lavants Gedichte musikalisch zu interpretieren, sondern die Gedichte als zeitlose Mitteilungen und Songtexte anzunehmen. Mich intuitiv auf Lavants Wort einzulassen und Wort und Musik zu verbinden. Ich schreibe musikalisch auf, was ich beim Lesen höre und fühle. Meine Musik ist eine Reaktion die durch Resonanz entsteht. 

Ich liebe ihre Sprachkunst – ihre Wortkreationen –  ihre  Ausdruckskraft –  ihren Mut innere Zustände sprachlich auszudrücken –  Dort, wo vermutlich die allermeisten Menschen in eine Sprachlosigkeit fallen, findet sie Ausdruck – ihre bilderreiche Sprache die aus der Dunkelkammer der Seele entsteht, und vielleicht gerade deshalb kann ihre Lyrik den Verstand so wundersam aus dem Trott bringen- es gibt nichts zu verstehen, nichts zu begreifen – auf den Sprachwellen reiten und sich treiben lassen -auf so vielen Ebenen –  ohne Meinung. Mitfühlen und Wachsen dürfen am Erlebten, am Erfahrungsreichtum den sie mitgeteilt hat und uns hinterlassen hat als großes kulturelles Erbe. Entsprechungen, Resonanzen wahrnehmen – wieder gehen zu lassen- ein innerer Prozess. Wenn man bedenkt, wie viele Menschen aktuell völlig am Rande leben, in diesen immer verrückter werdenden Gesellschaften? 

In einem Körper zu leben, der durch sein nicht „normal“ funktionieren auch die Psyche ständig an die Grenze bringt ist eine ganz besondere Herausforderung. Deswegen kann Christine Lavant auch mit niemandem verglichen werden. Es ist ein Wunder dass sie überhaupt so lange gelebt hat – und sie hat aus diesem Wunder ein großes Sprachwunder erschaffen. Für mein Ohr ist Christine Lavant weder düster, noch negativ – ich höre eine mutige leidenschaftliche, liebende und kompromisslos ehrliche und auch humorvolle Stimme, die Erlebtes ungeschminkt zum Ausdruck bringt. Sie kennt sich aus in der Unterwelt – und weiß, was es bedeutet, ganz am Rand der Gesellschaft zu leben. 

 Nicht nur das Vertonen, das Aufnehmen, die inspirierende Zusammenarbeit mit vielen großartigen MusikerInnen – auch die vielen Rückmeldungen des Publikums, die tiefgehenden Gespräche nach Konzerten –  Menschen die mir schreiben – die Lyrik lieben, mir Gedichte schicken, es ist immer wieder sehr bewegend.

Ich wähle die Texte intuitiv aus –  ich lass mich treiben … und wenn ich Resonanz fühle –  höre ich genau hin und dann geschieht es – ich höre Musik und schreibe sie auf – dieser Prozess geschieht sehr spontan und fühlt sich an wie eine Begegnung  – eine Entsprechung – ein Empfangen – eine Berührung!
Seit 1997 begleitet mich Lavant – und es ist ein Dialog entstanden der freilich auf ungreifbarer und unsichtbarer Ebene stattfindet – und rein materialistisch betrachtet natürlich unmöglich ist – aber genau die Unsichtbaren und ungreifbaren Ebenen unseres Daseins haben mich immer schon fasziniert.
Lavants Sprache trifft mich persönlich – es ist eine sehr persönliche und auch intime „Ansprache“ – und ich antworte mit Musik – und ich möchte nicht interpretieren –
sondern ich gebe eine durchaus persönliche und intime Antwort zurück – ich singe!
es ist ein von Wertschätzung und Ehrfurcht geprägter Dialog!
Mit Unsicherheiten leben lernen – Lavants Leben war ein einziger Ausnahmezustand, drum kann sie gerade jetzt in diesen Zeiten der Umbrüche Vertrauen wecken.